»Mit Stefan Ahnhem ist endlich ein würdiger Erbe für Stieg Larsson da.«
NDR

Erscheinungstermin: 2. Januar 2017
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In Helsingborg an der schwedischen Westküste wird ein Auto aus dem Hafenbecken geborgen. Eigentlich wäre der Fall klar: ein Unfall. Doch bei der Obduktion stellt sich heraus, dass der Fahrer schon lange tot war, als das Auto ins Wasser stürzte. Kommissar Fabian Risk und seine Kollegen untersuchen den mysteriösen Todesfall. Jemand glaubt, den Toten erst letzte Woche gesehen zu haben. Wie ist das möglich? Risk hat einen Verdacht, aber der ist so absurd, dass er ihn zunächst selbst nicht glauben will. Die Indizien lassen nur einen Schluss zu - es handelt sich um einen Mörder, der das Leben seiner Opfer komplett übernimmt. Er tötet sie, kleidet sich wie sie, spricht wie sie. Nur durch Zufall ist die Polizei jetzt auf seine Spur gekommen. Der Tote im Hafenbecken war nicht sein erstes Opfer, und noch lange nicht sein letztes ...

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Leseprobe

Stefan Ahnhem
Kriminalroman
Aus dem Schwedischen übersetzt von Katrin Frey
ISBN 9783471351246
Auch als E-Book erhältlich.

Kapitel 1

Kaum hatte Kripochefin Astrid Tuvesson das Haus verlassen und die Tür hinter sich abgeschlossen, ärgerte sie sich. Das Licht war greller, als sie erwartet hatte. Wenn sie nicht bald die Sonnenbrille in ihrer beschissenen Handtasche fand, würde ihr der Kopf vor Schmerzen platzen. Sie sah schon vor sich, wie Molander und seine Männer ankamen, alles absperrten und ihre Überreste einsammelten. Endlich, da war sie ja. Total zerkratzt und voller Fingerabdrücke, aber was sollte es. So ein Mist … Nun musste sie plötzlich pinkeln. Manchmal ging sie sich selbst auf den Geist. Typisch, dass ihr das nicht eingefallen war, bevor sie das Haus verlassen und ihren Schlüssel in der Tasche versenkt hatte, wo er natürlich nicht mehr auffindbar war. Diese Tasche war schlimmer als der Zauberkünstler Joe Labero. Sie konnte darin nach dem dämlichen Hausschlüssel suchen, so lange sie wollte. Er war weg, vermutlich für immer futschikato, sagte sie sich, zog Hose und Slip hinunter und hockte sich hinter das Beet. Es war schließlich ihr Garten, und deshalb konnte sie darin machen, was ihr passte. Wer etwas dagegen hatte, konnte ja die Polizei rufen. Der Gedanke brachte sie zum Lachen und ließ den Strahl zwischen ihren Beinen, ähnlich wie bei einem Springbrunnen, stoßweise hervorspritzen.

Eigentlich begriff sie selbst nicht, wieso sie nicht einfach zu Hause bleiben konnte, sondern unbedingt ins Auto steigen und den Zündschlüssel umdrehen musste. Den Autoschlüssel hatte sie mühelos gefunden. Sie hatte sich nach dem letzten Montag für drei Tage krankschreiben lassen, was im Vergleich zu anderen Kollegen harmlos war. In gewisser Hinsicht war es die Schuld von Gunnar, diesem Idioten. Ohne ihn wäre nichts von alldem passiert. Dann hätte sie ganz normal zur Arbeit gehen können, anstatt, so wie jetzt, zu Hause im Bett zu liegen und … Als es knallte, trat sie auf die Bremse. Was zum Teufel war das? Nachdem sie den Rückspiegel richtig eingestellt hatte, sah sie, dass nur dieser Scheißbriefkasten schuld sein konnte, der auch einen dritten Weltkrieg überleben würde, weil dieser Idiot ihn ja unbedingt hatte einzementieren müssen. Das fehlte ihr gerade noch. Sie mochte gar nicht daran denken, wie das Auto wohl von hinten aussah. Jedenfalls nicht jetzt. Sie fuhr einige Male vor und zurück, bevor sie auf die Singögata abbog und Gas gab, ehe die Nachbarn rauskommen und glotzen würden. Genau das meinte sie. Alles, wirklich alles, was in ihrem Leben nicht gut lief, war die Schuld von Gunnar, diesem Idioten.

Sie bog links ab auf die E20 in nördliche Richtung, drückte den Zigarettenanzünder hinein und zog die letzte Zigarette aus dem Päckchen, das im Türgriff klemmte. Die Glut breitete sich aus, und sie atmete den Rauch so tief ein, wie ihre Lunge es erlaubte, während sie auf der Autobahn beschleunigte. Noch vor wenigen Jahren hatte sie ihn verlassen wollen. Sie hielt schon so lange die Zügel in der Hand und hatte von ihm so dermaßen die Schnauze voll, dass sie schlechte Laune bekam, sobald sie ihn sah. Da er sich jedoch nicht trennen konnte und an ihr klebte wie an einem Fliegenfänger, war die eingeschlafene Liebe langsam, aber sicher in pure Verachtung übergegangen. Die ganze Situation schien sie in ein gehässiges Monster verwandelt zu haben, und als er schließlich den einzig richtigen Schritt tat und sie verließ, kam alles anders, als sie gedacht hatte. Vollkommen anders. Zuerst verstand sie nicht, was vor sich ging, als es krachte und der linke Seitenspiegel abgerissen wurde und, nur noch an ein paar Kabeln hängend, gegen die Karosserie hämmerte wie ein aufgeregter Specht. Dann sah sie den roten BMW, der jetzt direkt vor ihr her fuhr. Sie drückte wie wild auf die Hupe, woraufhin der Wagen beschleunigte und abzog. Doch so schnell sollte ihr das Arschloch nicht entkommen. Sie trat das Gaspedal durch und hatte ihn bald eingeholt.

Nichts verabscheute sie so sehr wie kleine neureiche Männer mit teuren Autos, und sie war sich sicher, dass in diesem nicht nur ein männliches Wesen saß, sondern eins, das in jeder messbaren Hinsicht klein war. Sie überholte ihn auf der rechten Spur, fädelte sich mit eingeschalteter Warnblinkanlage wieder auf der linken ein und verringerte, den Dienstausweis erhoben, allmählich die Geschwindigkeit. Als ob er den Ausweis hätte sehen können. Aber das war ihr scheißegal. Er sollte anhalten.

Stattdessen zog der BMW auf der rechten Spur an ihr vorbei, als wäre es ein Kinderspiel. Willst du Krieg, du alter Sack? Kannst du haben. Sie hielt den linken Arm aus dem Fenster und trennte den Seitenspiegel mit einem Ruck von den Kabeln, die ihn noch hielten, und nahm gleichzeitig mit bis auf die schmutzige Gummimatte durchgetretenem Gaspedal die Verfolgung des roten Autos auf, das zwischen den Spuren hin- und herwechselte, als hätte ihm jemand Slalomstangen aufgestellt.

Nach einer Minute hatte sie ein Tempo erreicht, das die erlaubte Geschwindigkeit bei weitem überschritt. Der Toyota Corolla zitterte und zeigte auch sonst auf jede erdenkliche Weise, dass er nicht mehr mitmachen wollte. Sie hatte jedoch alles unter Kontrolle und fuhr wie eine Göttin, wenn sie sich diese Ausdrucksweise erlauben durfte, und nach der Abfahrt Helsingborg Süd hatte sie ihn mit Warnblinkanlage wieder eingeholt. Leider hatte der BMW nicht die geringste Lust, langsamer zu fahren. Stattdessen wurde er noch schneller. Offenbar wusste er nicht, mit wem er es zu tun hatte. Sie wühlte in ihrer Handtasche auf dem Beifahrersitz. Das Handy musste irgendwo darin sein, da war sie sich sicher. Ah, hier war zumindest der Hausschlüssel.

Sie angelte sich das Handy und warf einen kurzen Blick auf das Display, um es zu entsperren und die Kamerafunktion zu suchen. Wo war die denn noch mal? Dieses Scheißding von Samsung. Sie hasste es. Oh, wie sie ihr Telefon hasste. Ganz zu schweigen von dem Grünschnabel, der ihr eingeredet hatte, Android wäre viel besser als iOS. Zum Schluss hatte sie nur nachgegeben, damit der Trottel endlich die Klappe hielt. Oh, offenbar filmte die Kamera bereits. Wie sie das hingekriegt hatte, war ihr ein Rätsel, aber es funktionierte. Sie richtete die Kameralinse auf das Auto vor ihr, nur um im nächsten Augenblick festzustellen, dass sie auf dem Weg in den Straßengraben war. Reflexartig trat sie mit aller Kraft auf die Bremse, woraufhin ihr Wagen ins Schleudern geriet und zur Seite kippte, und innerhalb des Bruchteils einer Sekunde ertönte rings um sie herum eine Kakophonie aus hupenden Autos und trötenden LKWs.

Es ist vorbei, war alles, was sie denken konnte. Aber das war vielleicht auch gut so. Sie war sowieso nur noch eine Versagerin, die kilometerweit nach Klimakterium roch, und eine Schande für ihren Berufsstand. Doch ihre Hände schienen offenbar nicht bereit zu sein aufzugeben, denn sie versuchten, das Steuer herumzureißen, gegenzusteuern und gleichzeitig einen niedrigeren Gang einzulegen. Ebenso ihr rechter Fuß, der das Gaspedal durchtrat, und dann gelang es ihr wie in einer unrealistischen Computeranimation, die Kontrolle über das Auto wiederzuerlangen. Sie stieß einen Freudenschrei aus, ging aber schon im nächsten Moment dazu über, wie ein Mantra zu wiederholen, sie habe alles im Griff.

Der BMW befand sich nun etwa fünfzig Meter vor ihr, und während sie das Handy aufhob und weiterfilmte, sah sie ihn abbremsen und die Ausfahrt in Richtung Elineberg und Råå nehmen. Bald würde sie ihn einholen, und dann gnade ihm Gott.

Ob es an ihrer Anwesenheit oder an den Autos lag, die sich vor dem Kreisverkehr stauten, wusste sie nicht. Jedenfalls entschied er sich um, fuhr zurück auf die Autobahn und hatte offenbar nicht die geringste Absicht, seine Geschwindigkeit zu drosseln, obwohl sie sich auf direktem Weg ins Helsingborger Stadtzentrum befanden.

Erst auf Höhe des alten Polizeigebäudes konnte sie eine leichte Verringerung seines Tempos feststellen, doch die rote Ampel an der Kreuzung zwischen Malmöled und Trädgårdsgata beeindruckte ihn überhaupt nicht. Sie hatte wahrlich nicht vor, hinter ihm zurückzubleiben, und pflügte sich mit gehaltener Hupe durch den Verkehr auf der Kreuzung, während sie immer lauter werdende Polizeisirenen hörte. Wow, die Uniformen waren erwacht. Es wurde auch Zeit. Sie stießen offenbar aus der Gasverksgata dazu.

Ein Blick in den Rückspiegel bestätigte, dass sie bereits dicht hinter ihr waren. Sie forderte sie per Handzeichen auf, langsam zu machen. Hier einfach anzutanzen und ihr die Show zu stehlen, konnten sie vergessen. Diesen Hampelmann da vorne würde sie sich höchstpersönlich vorknöpfen. Die zirka zwanzig Zentimeter hohe kreisförmige Fontäne war eigentlich keine richtige Fontäne, sondern erinnerte eher an eine große blaue Frisbee-Scheibe aus zerdepperten Kacheln. Aus einer Öffnung in der Mitte rann Wasser, das permanent über die Kachelscherben floss und dafür sorgte, dass das Ganze ständig nass war. Astrid Tuvesson hatte noch nie etwas für diesen Brunnen übriggehabt, und er gefiel ihr auch nicht besser, als wie aus dem Nichts die Linkskurve zum Hamntorg auftauchte und ihr weder das Wegwerfen des Handys noch der Versuch gegenzusteuern irgendetwas nützten.

In vollendeter Harmonie mit der Höhe und den abgerundeten Kanten der Brunnenanlage gelang es Aufprallwinkel und Geschwindigkeit des Corollas, den Wagen umzustürzen und sein Dach auf den Kacheln zu zerkratzen. Als das schlitternde Gefährt nach einigen Metern schließlich wie ein hilfloser Käfer auf dem Rücken mitten auf dem Fahrradweg zum Stillstand kam, öffnete Astrid den Sicherheitsgurt und krabbelte aus dem Auto. Verfluchte Scheiße … Ihr Kopf dröhnte, und sie sah … entweder doppelt oder schief, das wusste sie noch nicht genau. Nicht gut jedenfalls. Er würde ihr entkommen. Sie fühlte, dass dieses Arschloch sich einfach weiter durchs Leben mogeln würde, als ob nichts passiert wäre. Als wäre das alles nur ein verdammtes Spiel.



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© 2016 by Stefan Ahnhem
© der deutschsprachigen Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2016


Stefan Ahnhem

ist einer der erfolgreichsten Krimiautoren Schwedens. Seine Bücher sind allesamt Bestseller und preisgekrönt. Minus 18 Grad ist der dritte Teil seiner beliebten Krimiserie um den Kommissar Fabian Risk. Bevor er begann, selbst Krimis zu schreiben, verfasste er Drehbücher unter anderem für die Filme der Wallander-Reihe. Er lebt mit seiner Familie in Stockholm.

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© Edvard Koinberg